Kata Peta

Als die Weißen kamen....
 
 

 Die Eroberung Nordamerikas durch die Europäer scheint in idealer Weise geeignet zu sein, dem Mythos von der Überlegenheit der weißen Rasse neue Nahrung zu geben. Und hierfür wurde und wird sie von vielen Autoren benutzt. Dee Brown, einer der hervorragendsten Kenner indianischer Geschichte, stellt im nachfolgenden Beitrag dar, mit welchen Methoden die Europäer siegten und welche Zerstörungen sie dabei anrichteten. Fürwahr kein Stoff, aus dem ein verantwortungsbewußter Autor einen Heldenmythos schaffen kann. Die Analyse von Brown kann helfen, die Geschichte der Eroberung Nordamerikas besser zu verstehen.
Es begann mit Christoph Kolumbus, der dem Volk den Namen Indios gab. Die Europäer, die Weißen Männer, die aus verschiedenen Ländern stammten, nannten sie entsprechend ihrer Sprache Indien oder Indianer oder Indians. Später entstand die Bezeichnung peaux-rouges oder Rothäute. Gemäß ihrem Brauch, Fremde zu empfangen, überreichten die Tainos auf der Insel San Salvador Kolumbus und seinen Männern großzügige Geschenke und behandelten sie voll Ehrerbietung.
"So fügsam, so friedlich sind diese Menschen'`, schrieb Kolumbus an den König und die Königin von Spanien, "daß ich Euren Majestäten schwöre, es gibt auf der Welt kein besseres Volk. Sie lieben ihre Nächsten wie sich selbst, und ihre Sprache ist stets sanft und freundlich und von einem Lächeln begleitet; und obzwar sie nackt sind, ist ihr Betragen dennoch anständig und lobenswert."
All dies betrachtete man natürlich als ein Zeichen von Schwäche, ja der Barbarei, und Kolumbus, der durch und durch ein rechtschaffener Europäer war, vertrat die Meinung, diese Menschen müßten "dazu gebracht werden, zu arbeiten, ihr Land zu bestellen und unsere Lebensweise anzunehmen". Während der nächsten vier Jahrhunderte (1492-1890) taten mehrere Millionen Europäer und ihre Nachkommen alles, um dem Volk der Neuen Welt ihre Lebensweise aufzuzwingen.
Kolumbus nahm zehn der gastfreundlichen Tainos gefangen und brachte sie nach Spanien, um sie mit der Lebensweise des Weißen Mannes vertraut zu machen. Einer von ihnen starb bald nach seiner Ankunft, doch erhielt er zuvor die christliche Taufe. Die Spanier waren so erfreut, daß sie es zum ersten Mal einem Indianer ermöglicht hatten, in den Himmel zu kommen, daß sie sich beeilten, die gute Kunde in ganz Westindien zu verbreiten.
Die Tainos und andere Arawak-Stämme widersetzten sich nicht der Bekehrung zur Religion der Europäer, doch sie leisteten heftigen Widerstand, als Horden dieser bärtigen Fremdlinge ihre Inseln nach Gold und kostbaren Steinen abzusuchen begannen. Die Spanier plünderten und brannten Dörfer nieder; sie nahmen Hunderte von Männern, Frauen und Kindern gefangen und verschifften sie nach Europa, wo sie sie als Sklaven verkauften. Man brach den Widerstand der Arawaks mit Gewehren und Säbeln, und ganze Stämme wurden ausgerottet - in dem Jahrzehnt, nachdem Kolumbus am 12. Oktober 1492 seinen Fuß auf den Strand von San Salvador setzte, Hunderttausende von Menschen.
Die Nachrichtenübermittlung zwischen den Stämmen der Neuen Welt dauerte lange, und die Meldungen von den barbarischen Taten der Europäer wurden von neuen Eroberungen und Ansiedlungen rasch überholt. Doch lange bevor die Englisch sprechenden Weißen Männer 1607 in Virginia eintrafen, hatten die Powhatans Gerüchte über die Zivilisationsmethoden der Spanier gehört. Die Engländer wandten subtilere Methoden an. Um den Frieden so lange zu sichern, bis sie eine Siedlung bei Jamestown gegründet hatten, setzten sie dem Häuptling Wahunsonacook eine goldene Krone auf den Kopf, verliehen ihm den Titel König Powhatan und überredeten ihn dazu, seine Leute zur Arbeit anzuhalten, damit sie die weißen Siedler mit Lebensmitteln versorgen konnten. Wahunsonacook schwankte, ob er zu seinen rebellischen Untertanen oder zu den Engländern halten sollte, doch nachdem John Rolfe seine Tochter Pocahontas geheiratet hatte, kam er offenbar zu dem Schluß, daß er mehr Engländer als Indianer war. Nach Wahunsonacooks Tod erhoben sich die Powhatans, um die Engländer ins Meer zurückzutreiben, aus dem sie gekommen waren, doch die Indianer unterschätzten die englischen Waffen. In kurzer Zeit wurden die achttausend Powhatans auf weniger als tausend dezimiert.
In Massachusetts begann das Ganze etwas anders, endete aber praktisch genauso wie in Virginia. Nachdem die Engländer 1620 bei Piymouth gelandet waren, wären die meisten wahrscheinlich verhungert, hätten die freundlichen Eingeborenen ihnen nicht geholfen. Ein Pemaquid namens Samoset und drei Wampanoags namens Massasoit, Squanto und Hobomah stellten sich den "Pilgrims" freiwillig als Helfer zur Verfügung. Sie sprachen ein wenig Englisch, das sie von Forschungsreisenden, die in den vergangenen Jahren an ihrer Küste gelandet waren, gelernt hatten. Squanto war von einem englischen Seemann gefangen genommen worden, der ihn nach Spanien als Sklaven verkaufte, doch er war mit Hilfe eines anderen Engländers entkommen und hatte schließlich in seine Heimat zurückkehren können. Er und die anderen Indianer betrachteten die Kolonisten von Plymouth als hilflose Kinder; sie teilten die Maisvorräte ihres Stammes mit ihnen, zeigten ihnen, wie und wo man Fische fangen konnte, und brachten sie über den ersten Winter. Als das Frühjahr kam, gaben sie ihnen Mais zur Aussaat und zeigten ihnen, wie man ihn pflanzte und kultivierte.
Mehrere Jahre lebten diese Engländer und ihre indianischen Nachbarn in Frieden miteinander, doch es trafen ständig Schiffe ein, die viele weitere Weiße Männer brachten. Das Krachen von Äxten und stürzenden Bäumen hallte die Küsten des Landes auf und nieder, das die Weißen Männer New England nannten. Eine Siedlung nach der anderen entstand. 1625 baten einige Kolonisten Samosei, ihnen weitere 12 000 Morgen PemaquidLand zu geben. Samoset wusste, dass das Land vom Großen Geist stammte, endlos wie der Himmel war und keinem Menschen gehörte. Um sich das Wohlwollen der Fremden zu erhalten, übergab er ihnen das Land jedoch in aller Form und setzte sein Zeichen auf ein Dokument. Es war der erste Vertrag, mit dem indianisches Land an englische Kolonisten übertragen wurde.
Die meisten anderen Siedler, die jetzt zu Tausenden eintrafen, kümmerten sich nicht um solche Förmlichkeiten. Als Massasoit, der Häuptling der Wampanoags, 1662 starb, wurde sein Volk in die Wildnis getrieben. Sein Sohn Metacom sah den Untergang aller Indianer voraus, wenn sie sich nicht vereinigten und den Weißen Widerstand leisteten. Obwohl ihn die Neu-Engländer zu beschwichtigen suchten, indem sie ihm den Titel König Philip von Pokanoket verliehen, schloß er Bündnisse mit den Narragansetts und anderen Stämmen der Region.
Nach verschiedenen unrechtmäßigen Aktionen der Kolonisten erklärten König Philip und seine Verbündeten ihnen den Krieg, um die Stämme vor der Vernichtung zu retten. Die Indianer griffen zweiundfünfzig Siedlungen an und zerstörten zwölf davon völlig, doch nach monatelangem Kampf wurden die Wampanoags und Narragansetts von den Kolonisten, die ihnen mit ihren Feuerwaffen weit überlegen waren, praktisch ausgerottet. König Philip fiel, und sein Kopf wurde in Plymouth zwanzig Jahre lang öffentlich zur Schau gestellt. Zusammen mit anderen gefangen genommenen indianischen Frauen und Kindern wurden seine Frau und sein junger Sohn als Sklaven nach Westindien verkauft.
Als die Holländer nach Manhattan kamen, kaufte Peter Minuit die Insel für Angelhaken und Glasperlen im Wert von sechzig Gulden, forderte die Indianer jedoch auf, zu bleiben und weiterhin ihre kostbaren Felle gegen solchen Talmi einzutauschen. 1641 belegte Willem Kieft die Mohicans mit einem hohenTribut und schickte Soldaten nach Staten Island, um die Raritans für Vergehen zu bestrafen, die nicht sie, sondern weiße Siedler begangen hatten. Als die Raritans sich der Festnahme widersetzten, erschossen die Soldaten vier von ihnen. Als die Indianer zur Vergeltung vier Holländer töteten, befahl Kieft, die Bewohner zweier Dörfer zu massakrieren. Die Soldaten überfielen die Indianer, während sie schliefen, durchbohrten Männer, Frauen und Kinder mit ihren Bajonetten, hackten ihre Leichen in Stücke und brannten dann die Dörfer nieder.
Immer wieder kam es in den nächsten zwei Jahrhunderten zu solchen Vorfällen, als die europäischen Kolonisten über die Pässe der Alleghanies landeinwärts und die nach Westen fließenden Flüsse hinunter zu den Great Waters (dem Mississippi) und dann den Great Muddy (den Missouri) hinauf zogen.
Die fünf Völker der Iroquois, des mächtigsten und höchstentwickelten aller östlichen Stämme, bemühten sich vergeblich um Frieden. Um nach Jahren des Blutvergießens ihre politische Unabhängigkeit zu bewahren, ergaben sie sich schließlich. Einige entkamen nach Kanada, ein Teil floh nach Westen, andere verbrachten ihr restliches Leben in Reservaten.
In den sechziger Jahren des 18. Jahrhunderts vereinigte Pontiac von den Ottawas mehrere Stämme im Gebiet der Großen Seen, um die Briten über die Alleghanies zurückzutreiben, doch es gelang ihm nicht. Sein Hauptfehler war ein Bündnis mit Französisch sprechenden Weißen Männern, die den peaux-rouges während der entscheidenden Belagerung von Detroit die Unterstützung versagten. Eine Generation später schloß Tecumseh von den Shawnees Stämme des Mittelwestens und Südens zu einem großen Bündnis zusammen, um ihre Länder vor der Invasion zu schützen. Der Traum endete mit Tecumsehs Tod während einer Schlacht des Krieges von 1812.
Zwischen 1795 und 1840 setzten sich die Miamis in zahlreichen Schlachten zur Wehr und schlossen einen Vertrag nach dem anderen, in denen sie ihr fruchtbares Land am Ohio Valley Stück um Stück an die Weißen abtraten, bis es nichts mehr an sie abzutreten gab. Über drei Jahrhunderte waren indessen seit Christoph Kolumbus` Landung auf San Salvador vergangen, über zwei Jahrhunderte, seit die englischen Kolonisten nach Virginia und New England kamen. In dieser Zeit hatte man die Tainos, die Kolumbus so freundlich empfingen, völlig ausgerottet. Lange bevor der letzte Taino starb, war ihre einfache Landwirtschafts- und Handwerkskultur zerstört worden; an ihre Stelle waren Baumwollplantagen getreten, auf denen Sklaven arbeiteten. Die weißen Kolonisten rodeten die tropischen Wälder, um ihre Felder zu vergrößern; die Baumwolle erschöpfte den Boden; Winde, die nicht mehr durch Wälder abgehalten wurden, bedeckten die Felder mit Sand. Als Kolumbus die Insel zum ersten Mal sah, war sie nach seinen Worten "sehr groß und sehr eben und voller üppig grüner Bäume ... das Ganze so grün, daß es eine Lust ist, es anzusehen". Die Europäer, die nach ihm kamen, zerstörten ihre Vegetation und vernichteten ihre Bewohner- Menschen, Wild, Tiere und Vögel-, und nachdem sie sie in eine Ödnis verwandelt hatten, verließen sie die Insel.
Auf dem amerikanischen Festland waren die Wampanoags von Massasoit und König Philip verschwunden; ebenso die Chesapeakes, die Chickahominys und die Potomaes des großen Powhatan-Bundes. (Nur die Erinnerungen an Pocahontas blieb erhalten.) Verstreut oder auf kleine Überreste dezimiert waren die Pequots, Montauks, Nanticokes, Machapungas, Catawbas, Cheraws, Miamis, Hurons, Eries, Mohawks, Senecas und Mohegans. Ihre klangvollen Namen blieben in Amerika für immer erhalten, doch ihre Knochen verrotteten in Tausenden niedergebrannten Dörfern und Wäldern, die unter den Äxten von zwanzig Millionen Eindringlingen
rasch dahinschwanden. Die einst klaren Flüsse, von denen die meisten indianische Namen trugen, waren trüb von Schlamm und den Abfällen der Weißen; die Erde wurde geplündert und verwüstet. Den Indianern schien es, als ob diese Europäer die Natur hassten - die Wälder und ihre Vögel und ihr Wild, die grasigen Lichtungen, das Wasser, die Erde und die Luft.
Im Jahr 1848 wurde in Kalifornien Gold gefunden. In den nächsten Monaten zogen Tausende goldgieriger Weißer aus dem Osten durch das Indianer-Territorium. Die Indianer, die an den durch Oregon und Santa Fe führenden Straßen lebten und jagten, hatten sich daran gewöhnt, gelegentlich Wagenkolonnen von Händlern, Trappern und Missionaren zu sehen, die mit Erlaubnis der Behörden durch ihr Gebiet fuhren. Jetzt waren die Straßen plötzlich voller Wagen, und die Wagen waren voller Weißer. Die meisten wollten nach Kalifornien, um Gold zu suchen, doch manche bogen nach Südwesten in Richtung New Mexico oder nach Nordwesten in Richtung Oregon ab.
Um diese Verletzungen der "ewigen Indianergrenze" (1834 hatte der US-Kongreß den Mississippi zu dieser Grenze erklärt) zu rechtfertigen, erfanden die Politiker in Washington die Manifest Destiny. Nach dieser Doktrin waren die Europäer und ihre Abkömmlinge von der Vorsehung dazu bestimmt, ganz Amerika zu beherrschen. Sie waren die überlegene Rasse und deshalb verantwortlich für die Indianer, für ihr Land, ihre Wälder und ihre Bodenschätze. Nur diejenigen Engländer, die alle ihre Indianer ausgerottet oder vertrieben hatten, sprachen sich gegen die Manifest Destiny aus.
Ohne die Modocs, Mohaves, Paiutes, Shastas, Yumas oder die hundert anderen, weniger bekannten Stämme an der Pazifikküste um ihre Meinung zu fragen, machte man 1850 Kalifornien zum einunddreißigsten Staat der Union. In den Bergen von Colorado wurde Gold gefunden, und weitere Horden von Prospektoren strömten durch die Prärien. Zwei riesige neue Territorien - Kansas und Nebraska - wurden gegründet; sie umfassten praktisch das gesamte Land der Präriestämme. 1858 wurde Minnesota, dessen Grenzen hundertfünfzig Kilometer über den 95. Meridian, die "ewige Indianergrenze", reichten, zum Staat erklärt.